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Bell P-59A "Airacomet"   von Bernd Korte

Special Hobby 1/72

Was die Gloster Pioneer für England und die He 178 für Deutschland, das ist die Bell P-59 Airacomet für Amerika. Als sie am 2. Oktober 1942 zum offiziellen Jungfernflug abhob, war sie das erste in den USA gebaute und geflogene Strahlflugzeug. Während des Krieges entworfen, sollte sie als einsitziger Abfangjäger Amerika einen Technologieschub verschaffen und das Land in Sachen moderner Luftrüstung wieder auf Augenhöhe mit England und vor allem Deutschland bringen.
Ein sich in die Länge ziehendes Testprogramm und die Erkenntnis, dass die Airacomet wegen ihrer Instabilität und Untermotorisierung höchstens als Trainer einsetzbar sein würde, verhinderten jedoch ihren Kampfeinsatz. Trotzdem darf man ihren praktischer Nutzen für die Weiterentwicklung der düsengetriebenen Luftfahrt in den USA nicht unterschätzen. Amerikas Jet-Piloten der ersten Stunde sammelten ihre Erfahrungen auf diesem Muster und die Probleme und Tücken, die die ersten unzuverlässigen Aggregate bereit hielten, konnten bei späteren Entwicklungen besser berücksichtigt werden.

Die hier dargestellte „Smokey Stover“ wurde zu Kältetests im Dezember 1944 nach Alaska verlegt und war damit auch gleichzeitig eines der ersten amerikanischen Düsenflugzeuge, das je den Mutterkontinent verlassen hatte. Die „Smokey Stover“ Noseart ist an die gleichnamige Feuerwehrmann-Comicfigur von Bill Holman angelehnt, welche auch für andere Nosearts an B-24 und B-29 Bombern Pate stand.

Lange Zeit gab es für den an der Airacomet interessierten Modellbauer nur „schwer bekömmliche“ Kost. Teils weil die Vacu- und Resinkits teuer und nur schwer zu beschaffen waren, teils weil die Bausätze gelinde gesagt viel Freiraum zur eigenen Betätigung boten.
Mit Erscheinen des Hobbycraft-Kits in 1:48 wuchs die Attraktivität und Machbarkeit dieses ersten amerikanischen Jets wenigstens für einen Teil der Flugzeugmodellbaugemeinde. Und Dank special hobby können nun auch die Bonsai-Bauer dieses Muster mehr oder weniger problemlos in ihre Sammlung einreihen. Da es sich hierbei allerdings um einen Short-Run Bausatz handelt, kommt man auch bei diesem recht neuen Modell nicht um einen gewissen Grad an Eigeninitiative herum. Die Teile sind in grauem Plastik gegossen und weisen eine feine, teilweise aber zu weiche, Gravur auf. Die Cockpithaube liegt ebenfalls als einteiliges Spritzgussteil bei. Ein kleiner Decalbogen und Ätzteile für die Federbeinscheren vervollständigen den Bausatz.

Begonnen wurde damit, die Hauptbauteile vom Gießast zu lösen für die Weiterverarbeitung vorzubereiten. Im Einzelnen hieß das Angüsse und ein wenig Fischhaut entfernen sowie ein paar unglücklich positionierte Auswerfermarkierungen zu beseitigen.
Der eigentliche Zusammenbau startet mit dem Cockpit. Schon aus der Schachtel ist dieser Bereich recht komplett, strukturierte Seitenwände inklusive. Dennoch wertete ich den Sitz nach Bildern aus dem Air Force Legends Number 208 auf (siehe Referenzen), das Instrumentenbrett wurde mit einer Visiereinrichtung vervollständigt. Besonders leer erschien mir das Funkabteil hinter dem Pilotensitz, welches durch die hinteren beiden Seitenfenster einsehbar ist. Zusätzliche Boxen und Verkabelung sorgen hier für das nötige „Feeling“.
Bitte nicht wie hier zu sehen die Kopfstütze aufbohren. Diese gelochte Struktur ist wohl erst für die B-Version korrekt.
Farblich bleibt alles im gewohnten Rahmen: Alle Innereien wie Cockpit und Fahrwerkschächte erscheinen in Interior Green, hier von Model Air. Washing und Drybrushing bringen die Strukturen stärker zur Geltung.

Nachdem das Cockpit fertig war, wurde es zusammen mit dem Boden des Bugfahrwerkschachtes und einem kleinen Extra-Gewicht für den späteren sicheren Dreibein-Stand in eine Rumpfhälfte eingeklebt. Dabei sollte man immer wieder mit der anderen Rumpfhälfte trocken anpassen, da es keine vorgegebenen Locations gibt.
Der Rumpf passt recht gut zusammen. Schwieriger wurde es da schon bei der Cockpithaube und dem mehrteiligen Lufteinlauf/Flügelanschluss. Ohne Spachteleinsatz kommt man hier nicht weit. Besonders das Anpassen der Cockpithaube sorgte bei mir für einige Zwangspausen, um meinen Blutdruck wieder auf ein vertretbares Level zu bringen. Die Kanzelmaskierung erfolgte übrigens wie immer mit Parafilm-M.
Um die Schleifarbeit an den Spachtelnähten so gering wie möglich zu halten, griff ich auf einen Trick aus der Tool’n’Tips Sektion des Aircraftresourcecenter zurück. Dafür tränkte ich einen Q-Tip mit acetonhaltigem Nagellackentferner und strich damit über den bereits angetrockneten Spachtel. Der Nagellackentferner löst den Spachtel an, so dass überflüssiges Material durch den Q-Tip aufgenommen werden kann. Zurück bleibt im Idealfall nur der Spachtel, der auch die wirklichen Spalte füllt.

Die Flügelmontage gestaltete sich ebenfalls zeitaufwändiger als gewünscht. Jeder Flügel besteht aus Ober- und Unterseite, die recht gut zueinander passen. Allerdings stimmt das Profil des Flügels später nicht mit dem Profil an der Rumpfübergangsstelle überein. Allein mit Spachteln war hier nicht viel zu machen. Daher wurde das Flügelprofil soweit es ging durch das Einsetzen kleiner Plastikstreben an das Profil der Klebestelle angepasst. Die übrig bleibenden Abweichungen konnten dann verspachtelt und verschliffen werden. Gravuren, die durch das viele Schleifen in Mitleidenschaft gezogen wurden, mussten nachgraviert werden. Auch hier kam wieder der acetonhaltige Nagellackentferner zum Einsatz: Verspachtelte Bereiche, über die graviert werden sollte, wurden mit Nagellackentferner bestrichen, so dass sich der harte Spachtel etwas anlöste. Nun konnte graviert werden, ohne dass der Spachtel um die Gravur herum aufplatzte.

Was ich nicht nachvollziehen kann ist die Tatsache, dass special hobby die inneren Landeklappen mit an den Flügel modelliert hat, die äußeren Querruder aber separat beilegt. Sieht man sich Vorbildfotos an, sind es wenn überhaupt die Landeklappen, die einen Ausschlag am Boden aufweisen, wohingegen die Querruder am Boden immer in Neutralstellung sind. Daher montierte auch ich die separaten Querruder ohne Ausschlag.
Unter dem Steuerbordflügel waren beim Original drei Identifikationslichter angebracht, spezial hobby hat dieses Charakteristikum amerikanischer WW II Jäger vergessen, so dass die Lichter selbst nachgebildet werden müssen. Ich benutzte dafür eine Gravierschablone von Verlinden, um die Vertiefungen der Lichter darzustellen, die später mit der jeweiligen Farbe und einem Tropfen Weißleim als Verglasung gefüllt wurden. Denkbar wäre auch eine Imitation durch Decals, was mir allerdings immer, im wahrsten Sinne des Wortes, etwas zu oberflächlich aussieht.

Unter der Flugzeugnase muss weiterhin eine Schießkamera ergänzt werden, die bei mir aus Teilen der Grabbelkiste entstand.
Das Höhenleitwerk passte vergleichsweise gut, so dass nur auf der Unterseite der Klebenähte etwas Spachtel nötig war. Nach diesem Schritt war die Airacomet bereit zur Lackierung.

Zuerst wurden die Anti-Rutschbeläge links und rechts vom Cockpit schwarz lackiert und abgeklebt. Ebenso wurde mit dem Blendschutz verfahren. Dieser wurde jedoch entgegen der Anleitung ins Olive Drab und nicht in Schwarz geairbrusht, da Olive Drab die übliche Blendschutz-Farbe in dieser Zeit war. S/W-Referenzbilder zeigen den Blendschutzbereich außerdem etwas heller als z.B. Beschriftungen, die in jedem Fall schwarz waren. Als nächstes lackierte ich ein paar Panels in einem speziell angemischten Metallton, der von der späteren Hauptlackierung etwas abweicht und so für Auflockerung sorgt. Die Auswahl der Panels war in diesem Fall allerdings eher künstlerische Freiheit denn konkrete Referenzumsetzung.
Nachdem der Hauptmetallton (alles Humbrol Farben) lackiert war, wurden Maskierungen des Blendschutzes und der Anti-Rutschbeläge entfernt, so dass das komplette Modell zur Vorbereitung auf die Decals mit einer Schicht Erdal Glänzer versehen werden konnte.

Gerade einmal sieben Abziehbilder reichen aus, um aus der frisch lackierten aber noch anonymen Airacomet die „Smokey Stover“ zu machen. Die zweite Markierungsvariante, die special hobby anbietet, ist übrigens eine orange P-59B Drohne mit dem vielversprechenden Namen „Reluctant Robot“. Die Decals ließen sich problemlos verarbeiten. Weichmacher braucht nur sparsam angewendet werden, da der Decalfilm von Hause aus schon recht dünn und flexibel ist. Auf die Decals folgte erneut eine Schicht Erdal Glänzer, auf die dann ein Washing mit grauer Ölfarbe (schwarze und weiße Ölfarbe gemischt) aufgetragen wurde. Ein Überzug mit seidenmattem Klarlack versiegelte schließlich alles.
Der Blendschutz und die seitlichen Antirutschbeschichtungen mussten nun noch mit mattem Klarlack behandelt werden. Außerdem erhielten die Antirutschbeläge noch ein graues Drybrushing. Dies wurde besonders auf dem linken Belag im vorderen Bereich aufgebracht, da über diese Stelle der Pilot in die Maschine stieg.

Die separaten Querruder waren bereits früher, vor den Decals und dem Finish, angebracht worden. Nun, da die Lackierung abgeschlossen war, wurde das Cockpit demaskiert.
Das Hauptfahrwerk erhielt Bremsleitungen aus heißgezogenem Plastik und die Reifen wurden mittels Skalpell mit einem Profil versehen, das wiederum durch graues Drybrushing hervorgehoben wurde. Leider sind die inneren Querverstrebungen des Hauptfahrwerks zu kurz, bzw. die Passlöcher liegen zu weit außen. Ansonsten gab es in diesem Bereich keine nennenswerten Probleme. Die Zusatztanks passen wiederum ziemlich gut in die Aufnahmen an den Pylonen.

Die Bewaffnung, bestehend aus drei .50 Mgs und einer 37 mm Kanone wurde durch heißgezogene Q-Tips dargestellt und der Landescheinwerfer mit Weißleim angeklebt. Dieser wird zwar in der Bauanleitung übergangen, ist aber als Klarteil enthalten. Zu guter Letzt erhielten die Flügelenden noch Positionslichter, ebenfalls aus Weißleim, der diesmal aber rot bzw. grün überlackiert wurde. Beim Original sind nämlich auch die Lampenabdeckungen an sich farbig, und nicht die Glühlampe. Das Staurohr auf dem Seitenleitwerk sowie die Stabantenne und der Antennendraht (schwarzer heißgezogener Gussast) vervollständigten schließlich die Airacomet zum fertigen Modell.

Der einzige Bereich, der mir an dem Modell wirklich nicht gefällt, ist der Lufteinlauf. Zum einen hat er im Innern dank der Konstruktionsweise eine unschöne Stufe, die man nur schwer verspachteln und wegschleifen könnte. Zum anderen fehlen die eigentlichen Wände des Lufteinlaufs zum Rumpf hin. Der Einlauf schließt nämlich nicht wie im Modell direkt an den Rumpf an, sondern ist eine für sich eigenständige Konstruktion, die durch einen kleinen Abstand vom eigentlichen Flugzeugrumpf getrennt ist. Als ich den Fehler bemerkte, war es für eine Korrektur allerdings schon zu spät.

Trotz aller Macken bin ich mit dem Endergebnis aber einigermaßen zufrieden. Special hobby bietet hier einen zu den früheren Bausätzen dieses Typs vergleichsweise günstigen und guten Kit an, aus dem sich mit der bei Short Run Bausätzen nötigen Eigeninitiative eine ansprechende Nachbildung des Original bauen lässt. Hobbyneulingen ist der Bausatz aber nicht zu empfehlen, da er doch einige Klippen bereit hält, die leicht zu einer andauernden Frustration führen können...

Referenzen

· P-59 Airacomet, Air Force Legends Number 208, by Steve Pace (Ginter Books)
· P-59B Airacomet, A Peregrine Photo Essay, by Steve Muth, ISBN 1-930432-03-8, Peregrine Publishing (unvollständiger und teilweise schlecht belichteter Walkaround, daher weniger zu empfehlen)
· Walkaround Bilder von Tom Conte

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